Artischocke

  • Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus
  • (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)

Kräuterbeschreibung

Beschreibung

Die distelförmige Artischocke ist ein bis zu 2 m hohes, ausdauerndes Kraut mit kurzem Wurzelstock. An einem dicken, unbehaarten und verzweigten Stengel befinden sich große und fiederspaltige Blätter, meist wechselständig angeordnet. Je nach Kulturform sind sie mehr oder weniger tief gespalten. Ihre Oberseite ist hellgrün und ohne Haare, die Unterseite graufilzig behaart. An der Spitze des Stengels und in den Achseln der oberen Laubblätter entwickeln sich die Hauptknospe (8-15 cm) und kleinere Blütenknospen. Die kugeligen und stacheligen, blauen bis violetten Röhrenblüten sind scheibenförmig angeordnet und mit schuppenartigen Kelchblättern umgeben. Nach der Blütezeit im Juli entwickeln sich behaarte, bis 8 mm lange und braun glänzende Früchte (Achänen).
Während der Blütenboden und die an ihrer Basis fleischigen Hüllblätter des noch nicht geöffneten Blütenkopfs gegessen werden, nimmt man für arzneiliche Zwecke allein die Laubblätter.

Verwandte Kräuter

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Als Stammform von C. scolymus gilt C. cardunculus (Kardone, Cardy, Spanische- oder Gemüse-Artischocke), deren Blütenhüllblätter eine dornige Spitze besitzen. Aus dieser soll sie im 15. Jh. als nicht-stachelige Sorte herausgezüchtet worden sein.
C. cardunculus eignet sich ebenfalls als Arzneipflanze, wird aber ausschließlich als Gemüsepflanze kultiviert. Hierzu nimmt man die (meist gebleichten) Blätter, Blattstiele und -rippen.
Der auch „Erdartischocke“ oder „Jerusalem artichoke“ genannte Topinambur (Helianthus tuberosus, Fam. Asteraceae) wurde im 17. Jh. von Nordamerika nach Frankreich eingeführt. In zahlreichen Sorten wird er als Futter- und Gemüsepflanze kultiviert und enthält – wie auch die Artischocke – den Zuckerstoff Inulin.
Von den einheimischen distelartigen Kreuzblütlern Mariendistel (Silybum marianum), Silberdistel (Carlina acaulis) und Sternflockenblume (Centaurea calcitrapa) wurden die Blütenköpfe früher ebenfalls nach Artischockenart gegessen.

Vorkommen

Herkunft und Verbreitung

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Cynara scolymus ist eine reine Kulturform und als Wildpflanze unbekannt. Als ursprüngliche Heimat der Stammform (C. cardunculus) wird Äthiopien vermutet; von dort soll sie über Ägypten nach Europa gelangt sein. Verwildert findet man sie heute im ganzen Mittelmeergebiet bis zu den Kanaren und selbst in Südamerika.

Standort

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Bevorzugt wird ein gut belichteter und geschützter Standort mit lockerem und fruchtbarem, leicht kalkhaltigem Boden. Die meisten Sorten sind wenig frostbeständig.

Kultivierung

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Zur Herstellung von Arzneidrogen nahm man früher die Blätter der abgeernteten Kulturformen; heute werden die benötigten Pflanzen in besonderen Kulturen angebaut. Gemüse-Artischocken stammen hauptsächlich aus Südfrankreich, Mittelitalien, Spanien, Israel, Marokko und der Türkei.
Zur Vermehrung nimmt man Wurzeltriebe oder Schößlinge und kann auch ältere Pflanzen teilen. Selbst die Anzucht mit Samen ist möglich, aber aufwendig und unüblich. Wurzelteile und Schößlinge können im Handel erworben oder von bestehenden Pflanzen abgenommen werden. Man steckt sie im Frühjahr im Abstand von 80 cm in den Boden. Die Pflanzen sind zu düngen und reichlich zu wässern. Nach der Knospenbildung behält man nur die besten Pflanzen für die Ernte zurück. Die Blütenköpfe müssen geerntet werden, solange ihre Schuppen geschlossen sind. Nach 3-4 Jahren nimmt die Ertragsfähigkeit ab.

Brauchtum

Brauchtum

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Die Artischocke ist eine der ältesten Heil- und Gemüsepflanzen. Schon im alten Ägypten pries man ihre heilende Wirkung bei Verdauungsbeschwerden. Der Grieche Theophrast (4. Jh. v. Chr.) empfahl, sie zur Blütezeit roh oder gekocht zu verzehren. Auch die Römer schätzten sie nicht nur als kulinarische Delikatesse. So sollte das Auftragen der zerdrückten Wurzel unangenehme Körpergerüche beheben und ihr Verzehr die Männer nicht nur auf dem Schlachtfeld stärken…
Im Mittelalter war die Pflanze (C. cardunculus) wenig beliebt und nahezu vergessen. Erst im 16. Jh. soll Katharina von Medici eine stachelarme Variante (C. scolymus) nach Frankreich gebracht haben, wo sie in Kultur genommen wurde. Zur selben Zeit beschrieben auch Leonhart Fuchs und Hieronymus Bock die Heilwirkungen der Artischocke. Man nahm sie vor allem bei Gelbsucht, als harntreibendes Mittel und Aphrodisiakum wie auch bei Leber-Galle-Erkrankungen.
1806 kam sie mit französischen und spanischen Siedlern auch nach Nordamerika und wurde in den folgenden Jahrhunderten weltweit verbreitet.
Wegen ihrer attraktiven Blüten sind Artischocken beliebte Zierpflanzen und werden oft in Trockensträußen verwendet. Die Blätter dienten früher zum Färben von Wolle (vorgebeizt mit Alaun). Man erhielt brilliante, wasch- und lichtechte Gelbtöne. Färbende Inhaltsstoffe sind die drei Glykoside Cynarosid, Scolymosid und Cynarotriosid des Luteolins.

Wissenswertes

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymus (Fam. Asteraceae = Compositae, Kreuzblütler)Der Name Artischocke soll auf ital. „articiocco“ zurückgehen, was sich wiederum von „cocali“ (Pinienzapfen) herleitet und auf die Form der Blütenköpfe bezieht. Cynara stammt von griech. „kyon“ (Hund) und bezieht sich auf die Ähnlichkeit der Stacheln mit Hundezähnen.

Eigenschaften

Wesentliche Inhaltsstoffe

Wichtigste Inhaltsstoffe sind Caffeoylchinasäuren (2,46 %) mit Chlorogensäure, Dicaffeoylchinasäure und wenig Cynarin. Daneben sind bis zu 5 % Sesquiterpenlactone (Hauptkomponente Cynaropicrin, weiterhin Dehydrocynaropicrin und Grosheimin) sowie 0,35-0,75 % Flavonoide (z. B. Scolymosid, Cynarosid, Cynarotriosid) enthalten. Ein weiterer Inhaltsstoff ist Inulin (ein aus Fructose-Einheiten zusammengesetztes Polysaccharid).
Die Anteile der Inhaltsstoffe schwanken erheblich – nicht nur zwischen verschiedenen Anbaugebieten und Jahreszeiten (z. B. Bitterstoffmaxima im Frühjahr und Herbst), sondern ebenso in den Blättern einer einzelnen Pflanze. Beim Cynaropicrin-Gehalt wurden Konzentrationen zwischen 0,5 und 6,5 % ermittelt, wobei die höchste am äußersten Blattrand gefunden wurde und die Blattspitzen bis zu 80 % mehr enthielten als der Blattgrund.

Eigenschaften, Wirkungen

Die Inhaltsstoffe wirken antioxidativ und steigern die Sekretion von Gallensäuren in den Leberzellen. Für die appetitanregende Bitterwirkung sind die Sesquiterpenlactone verantwortlich. Eine lipidsenkende (fettsenkende) Wirkung ist auf Luteolin (entsteht aus Flavonoidglykosiden) zurückzuführen, das eine teilweise Hemmung der Cholesterin-Neusynthese und eine verstärkte Cholesterin-Ausscheidung bewirkt.

Forschung

Nachdem das ursprünglich als Hauptwirkstoff erkannte Cynarin isoliert war, stellte man fest, daß es für sich alleine keine Wirkung entfaltete. In der frischen Pflanze ist es nur in geringer Menge vorhanden und entsteht vor allem bei der Heißwasserextraktion. Heute wird angenommen, daß die Hauptwirkung auf eine Kombination von Inhaltsstoffen zurückzuführen ist.

Warnhinweise

Bei vorhandenen Gallensteinen nur nach Rücksprache mit einem Arzt verwenden (Gefahr der Auslösung von Koliken). Keine Anwendung bei Gallengangverschluß und bei einer Allergie gegen Artischocken oder andere Korbblütler (Kreuzreaktionen z. B. mit Chrysanthemen, Kamille, Arnika). Artischocken-Allergie ist vor allem in Frankreich bei Personen verbreitet, die Pflanzen kultivieren, pflücken und weiterverarbeiten.

Anwendung

Anwendungsgebiet

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymusArzneidroge: Cynarae folium (Artischockenblätter)
Anwendung bei (dyspeptischen) Beschwerden im Magen- und Darm, z. B. Reizmagen, Druck- und Völlegefühl, Sodbrennen und Übelkeit, aber auch zur Appetitanregung. Nach neueren Erkenntnissen wäre aufgrund der antioxidativen und lipidsenkenden Wirkung eine Anwendung auch bei Stoffwechselstörungen und zur Arteriosklerose-Vorbeugung gerechtfertigt.
In der Naturheilkunde wird die Artischocke u. a. gegen Bluthochdruck, Gicht, Arthritis, Rheuma, als Verhütungsmittel und Aphrodisiakum verwendet; diese Wirkungen sind jedoch nicht belegt.

Anwendungsart

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymusInnerlich verwendet werden die frischen oder getrockneten und zerkleinerten Laubblätter (Grundblätter) und deren Zubereitungen, z. B. als Aufguß, Frischpflanzenpreßsaft oder Trockenextrakt zum Einnehmen. Die mittlere Tagesdosis beträgt 6 g Droge; als Einzeldosis werden 300-500 mg empfohlen.
Wegen stark wechselnder Konzentration der Inhaltsstoffe wird empfohlen, Artischockenextrakte in Form von Fertigpräparaten zu verwenden; hiervon sind derzeit mehr als 40 im Handel erhältlich.
Als Gemüse zubereitete Artischocken (-blütenköpfe) haben keine den pharmazeutischen Zubereitungen entsprechende Wirksamkeit: Die Konzentration der wirksamen Inhaltsstoffe ist hier geringer und ein großer Anteil wird bei der Aufbereitung unwirksam.

Produkte

Getränke

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymusBittere Auszüge aus Artischockenblättern dienen als Grundstoff für alkoholische Getränke, z. B. für Likörwein in Italien und Spanien. Der in Italien beliebte Bitterlikör Cynar ist nach Campari und Suze die weltweit meistverkaufte Bitterspirituose und enthält Artischockenextrakt und Auszüge weiterer Kräuter und Gewürze, darunter Rhabarber, Orangenschalen und Enzian. Die Wirkung seiner Inhaltsstoffe erlauben eine Verwendung sowohl zur Appetitanregung vor dem Essen (Aperitif) als auch zur Förderung der Verdauung nach dem Essen (Digestif).
Traditionell dient die Artischocke auch zur Herstellung von Medizinalwein. Man verwendet ihn bei Verdauungsbeschwerden und als Kräftigungsmittel während der Genesung von einer Krankheit.

Speisen

Cynara scolymus, syn. C. cardunculus var. scolymusDie Artischocke ist eine traditionelle Delikatesse für Vorspeisen. Ihre Bitterstoffe regen den Appetit an, steigern die Gallensekretion und begünstigen so die Fettverdauung. Als Gemüse können auch die jungen und gebleichten Sprosse gegessen werden.
Besonders für Diabetiker ist die Pflanze aufgrund des Inulingehalts ein wertvolles Gemüse.

Tipps

Zum Kochen keinen Aluminiumtopf verwenden, sonst verfärbt sich die Artischocke gräulich-schwarz.