Enzian

  • Gentiana lutea
  • Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer Enzian
  • (Fam. Gentianaceae, Enziangewächse)

Kräuterbeschreibung

Beschreibung

Die Gattung Gentiana umfaßt rund 400 Arten. Die meisten sind kleinwüchsig und einige wenige, wie der Gelbe Enzian, von stattlichem Wuchs (bis 1,50 m). Die rübenförmige Hauptwurzel kann armdick und bis zu 1 m lang werden. Im Frühjahr bildet die Pflanze eine grundständige Rosette. Ihre ovalen, bläulich-grünen Blätter haben kräftige Bogennerven. Erst nach mehreren Jahren entwickeln sich hohle, aufrecht wachsende Stengel, an denen kreuzgegenständig und stengelumfassend die Laubblätter sitzen. Zwischen Juni und August bilden sich in den Achseln der Hochblätter trugdoldige Scheinquirle mit den goldgelben Blüten. Deren Krone ist radförmig, tief geteilt (5- oder 6teilig) und hat lanzettliche Zipfel. Die Frucht ist eine oval-längliche Kapsel (6 cm) mit zahlreichen, stark abgeflachten und häutig berandeten Samen.
Der Gelbe Enzian kann im nicht-blühenden Zustand leicht mit dem Weißen Germer (Veratrum album, Fam. Liliaceae, Liliengewächse) – eine der gefährlichsten Giftpflanzen – verwechselt werden. Unterschied: Der Germer hat wechselständige (spiralig angeordnete) Blätter.

Verwandte Kräuter

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianIn gleicher Weise wie der Gelbe Enzian wurden früher auch Purpurroter Enzian (G. purpurea), Punktierter Enzian (G. punctata) und Ungarischer Enzian (G. pannonica) sowie die kleinblütigen blauen Arten Stengelloser Enzian (G. clusii) und Breitblättriger Enzian (G. kochiana) verwendet. In China nimmt man die Wurzeln der dort heimischen Enzianarten: Großblättriger Enzian (Gentiana macrophylla = Qin jiao) und Japanischer Enzian (G. scabra = Long dan cao).
In Mitteleuropa bisher nur wenig beachtet wird das Chirettakraut (Swertia sp., Fam. Enziangewächse) mit ähnlichen Wirkstoffen wie G. lutea (Vorkommen in Bergregionen Eurasiens, Nordamerikas und Afrikas; winterhart bis -15 °C). In indischen Basaren ist S. chirata syn. Opheliachirata als „Chirata“ erhältlich. S. japonica wird in China angebaut und in gleicher Weise wie G. lutea verwendet.
Weitere Heilpflanzen aus der Fam. Enziangewächse sind z. B. das Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea, C. chilensis) und die in Südafrika vorkommende Chironia baccifera.

Vorkommen

Herkunft und Verbreitung

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianDer Gelbe Enzian ist in den mittel- und südeuropäischen Gebirgsregionen heimisch und kommt zerstreut auch in den Mittelgebirgen (Schwarzwald, Vogesen, Schwäbische Alb) vor. In Südamerika, z. B. in den Anden, ist er eingeführt und wird dort zur Behandlung von Diabetes, Ausschlägen und nervösen Leiden verwendet.

Standort

Die Pflanze bevorzugt frische und kalkhaltige Böden. Typische Standorte sind magere Berg- und Hochstaudenwiesen in der montanen und subalpinen Stufe (bis 2.200 m). Unter den Bergbauern galt sie als lästiges Unkraut und wurde dadurch fast ausgerottet. Heute steht sie unter Naturschutz (Sammelverbot).

Kultivierung

Als Arzneipflanze und zur Enzianbranntwein-Herstellung wird Gentiana lutea in größeren Mengen in den Alpenländern, besonders in Südfrankreich, aber auch in Spanien, Italien, Deutschland und anderen Ländern angebaut.
Die Kultivierung ist einfach und erfolgt durch Aussaat oder Teilung des Wurzelstocks: im Herbst (September/Oktober) oder Frühjahr (März/April) werden die Wurzeln von 5- bis 7jährigen Pflanzen ausgegraben, gereinigt, in kleine Stücke geschnitten und in den Boden eingebracht.

Brauchtum

Brauchtum

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianIn der antiken Heilkunst diente der Gelbe Enzian z. B. nach Schriften von Dioskurides (1. Jh.) und Galen (2. Jh.) zur Behandlung von Leber- und Magenbeschwerden, Würmern und Bißwunden giftiger Tiere, Verletzungen, Geschwüren und Pest, aber auch als Mittel zur Abtreibung. Im Mittelalter empfahl Hildegard von Bingen (1098-1179) in ihrer Physica, Enzianpulver gegen starke Halsschmerzen und bei „Magenfieber“ in geringer Menge unter Speisen zu mischen. Dies sollte auch das Herz stärken. Der Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs (1501-1577) schrieb in seinem Kräuterbuch von 1543: „In summa Entzian wurzel und der safft daruon, zerteylen, reynigen, seubern, vn nehmen hinweg allerley verstopffung. Seind ein treffenliche artzney für allerley gifft, vnd bekomen seer woldem schwachen magen.“ Ferner sollte der Wurzelsaft bei Seitenschmerzen, Wunden, Augenentzündungen, Hautunreinheiten und Gicht helfen.
Enzian war Bestandteil des Theriaks, ein aus vielen Substanzen zusammengesetztes alchimistisches Universalheilmittel, das über einen Zeitraum von 1.700 Jahren (bis zum 19. Jh.) verwendet und von Hieronymus Bock (1498-1554) u. a. als vorzügliche Magenarznei bezeichnet wurde.
Bis heute wird die Pflanze besonders in der alpenländischen Volksmedizin hoch geschätzt und gegen Beschwerden im Magen- und Darmbereich genommen; besonders gerne in Form von Enzianschnaps.
Wie das älteste Arzneibuch Chinas (Shennong 1. oder 2. Jh.) dokumentiert, gehört der Großblättrige Enzian (G. macrophylla) dort zu den klassischen, schon seit altersher genutzten Heilkräutern. Man nimmt die Wurzel in Kombination mit anderen Kräutern wie Angelica pubescens (Du huo) und Zimt zur Behandlung von Symptomen, die aus den Wind-Feuchtigkeitszuständen des Körpers resultieren. Dazu gehören Fieber, Leberleiden, Harnwegsinfekte und Rheuma. Der Japanische Enzian (G. scabra) soll beim Patienten die „Hitze“ im Körper beseitigen. Zusammen mit anderen Drogen wie Bupleurum chinense (Chai hu) und Scutellaria baicalensis (Huang qin)wird er gegen Leber- und Gallebeschwerden, Bluthochdruck, Infektionen der Harnwege, Kopfschmerzen und Verstopfung angewendet.

Wissenswertes

Der Gattungsname Gentiana geht auf den illyrischen König Gentius zurück, der im 2. Jh. v. Chr. den medizinischen Wert der Pflanze als erster erkannt haben soll und sie als Mittel gegen Pest verwendete.

Eigenschaften

Wesentliche Inhaltsstoffe

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianHauptbestandteile der Wurzel sind die für Enziangewächse typischen Bitterstoffe, insbesondere 2 bis 4 % Secoiridoidglykoside mit Gentiopicrosid (Hauptkomponente, ca. 2,5 %) und Amarogentin. Ebenfalls bitter schmeckt das Trisaccharid Gentianose (2,5 bis 5%), welches sich beim Trocknen der Wurzel in die noch bitterere Gentiobiose umwandelt.
Der Bitterwert der Droge beträgt mindestens 10.000. Amarogentin ist fast 5.000mal bitterer als Gentiopicrosid und damit der bitterste aller bekannten Naturstoffe (sein Bitterwert beträgt 58.000.000; eine Verdünnung von 1 : 50.000 ist noch herauszuschmecken).
Weitere wichtige Inhaltsstoffe sind Xanthone (ca. 0,25 %, z. B. Gentisin, Gentiosid; gelb gefärbt), Polysaccharide und Phytosterole.
Das früher als Inhaltsstoff isolierte Alkaloid „Gentianin“ hat sich als Artefakt erwiesen. Es bildet sich erst im Rahmen der Anreicherung und Aufarbeitung in wäßriger Ammoniaklösung aus Gentiopicrosid.

Eigenschaften, Wirkungen

Bitterstoffe reizen die Geschmacksrezeptoren und bewirken eine reflektorische Anregung der Speichel- und Magensaftsekretion. Die Droge wirkt als Stärkungs- und Kräftigungsmittel.

Warnhinweise

Aufgrund der vermehrten Sekretion von saurem Magensaft soll keine Anwendung bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren wie auch bei Neigung zu Magenübersäuerung erfolgen.
Als Nebenwirkung können bei empfindlichen Personen Kopfschmerzen auftreten (allergische Reaktion auf Amarogentin).

Anwendung

Anwendungsgebiet

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianArzneidroge: Gentianae radix (Enzianwurzel)
Die Hauptanwendung sind Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden, z. B. Blähungen und Völlegefühl.

Anwendungsart

Gentiana lutea Gelber Enzian, Bitterwurz, Bergfieberwurzel, Großer EnzianAls mittlere Tagesdosis werden 3 g, als Einzeldosis 1 g der Droge empfohlen; Zubereitungen entsprechend.
Verwendet wird die getrocknete und zerkleinerte Wurzel (oder Trockenextrakte) für die innerliche Anwendung, z. B. Aufgüsse.
Die Hauptwirkung liegt bei den Bitterstoffen und ist vom Geschmack abhängig. Das Hinzufügen von Stoffen, die eine Reizung der Geschmacksrezeptoren durch die Bitterstoffe mindern (z. B. Zucker, Honig), kann die Wirksamkeit verringern.
Die Droge ist oft in Fertigarzneien z. B. gegen Leber- und Gallestörungen sowie in Abführmitteln enthalten.

Homöopathie

Das Homöopathikum Gentiana lutea wird aus der frischen Wurzel bereitet und für dieselben Anwendungsgebiete wie die Droge in den Potenzen D1 bis D3 verwendet (mehrmals täglich 3-5 Tropfen).

Produkte

Getränke

Enzianwurzeln zu Heilzwecken werden unmittelbar nach der Ernte getrocknet und in verschlossenen Gefäßen aufbewahrt. Zur Spirituosenherstellung nutzt man zuvor die Fermentationsprozesse in der frischen Wurzel, um die Entwicklung der gewünschten Aromastoffe zu fördern.Der weit über den Alpenraum hinaus bekannte und aus den Wurzeln gebrannte Enzianschnaps ist wohl das berühmteste Enziangetränk. In den Alpentälern wurde es früher selbstgebrannt und um 1880 entstanden z. B. in Bayern, Österreich, Italien und der Schweiz auch gewerbliche Enzianbrennereien. Das Ausgraben der fest im Boden verankerten und bis zu 6 kg schweren Wurzeln mit „Reuthacke“ oder „Teufelszack“ (zweizinkige Gabel) war ein mühseliges Geschäft. Heute ist der Gelbe Enzian geschützt und es werden ausschließlich Kulturpflanzen (meist Importwurzeln, z. B. aus Frankreich) verwendet. Die auf den meisten Enziankrügen abgebildeten blaublühenden Arten haben mit der Droge nichts zu tun – abgesehen von ihrer Verwandtschaft und dem gemeinsamen Namen.
Enzian wird zur Herstellung vieler Bitter- und Kräuterliköre wie beispielsweise Angostura, Aperol, Cinzano Bitter, Barolo Chinato, Cynar oder Picon verwendet und ist ebenso Bestandteil von Bitter-Aperitifs (z. B. im französischen Suze; das Rezept von Campari wird geheimgehalten). Beim Aperitif Ambassadeur nimmt man nicht die Wurzeln, sondern die Blüten. Einige italienische Branntweine (Brandy) und Gin-Sorten werden mit Alpenkräuterauszügen versetzt, die Enzian enthalten.
Potentielle Verwender sind auch die zahlreichen Kräuter- und Magenbitter, von denen einige als Markenerzeugnisse zu den Standardartikeln im Spirituosenhandel zählen. Die meisten dieser Rezepturen sind geheim (z. B. Underberg).
Rezept für selbstgemachten Enzianschnaps: 10 g getrocknete Enzianwurzel (aus der Apotheke) zerkleinern, 0,5 l Wodka oder Obstler hinzufügen, 1 bis 2 Monate ruhen lassen, filtern, in eine heiß ausgespülte Flasche füllen und fest verschließen (die Wurzeln können auch in der Flasche verbleiben). In kleinen Mengen als Bitter oder Digestif verwenden.

Tee

Für Enziantee nimmt man 1/2 Teelöffel (1- 2 g) zerkleinerte Enzianwurzel auf 1 Tasse Wasser (150 ml), 5-10 Minuten aufkochen, durch ein Teesieb geben und 1 Tasse täglich vor den Mahlzeiten kalt oder mäßig warm und ungesüßt trinken. Einen nicht ganz so bitteren Tee erhält man mit einem Kaltansatz: Zutaten und Anwendung wie oben, aber nur kaltes Wasser verwenden und etwa 8 Stunden ziehen lassen.

Speisen

Auch in der Süßwarenindustrie verwendet man Enzian, z. B. in Kräutermischungen zur Herstellung von Kräuterbonbons.

Tipps

Enzianwurzeln zu Heilzwecken werden unmittelbar nach der Ernte getrocknet und in verschlossenen Gefäßen aufbewahrt. Zur Spirituosenherstellung nutzt man zuvor die Fermentationsprozesse in der frischen Wurzel, um die Entwicklung der gewünschten Aromastoffe zu fördern.