Wegwarte

  • Cichorium intybus var. intybus, syn. C.intybus var. sylvestre
  • Gemeine Wegwarte, Zichorie, Kaffekraut, Faule Gretl
  • (Fam. Asteraceae, Korbblütler)

Kräuterbeschreibung

Beschreibung

Die bis 1 m hohe Wegwarte hat kantige, sparrig verzweigte Stengel. An deren Basis befinden sich lanzettliche bis verkehrt-eiförmige, kurzgestielte Laubblätter. Sie sind unterseits behaart und haben einen gesägten bis buchtigen Rand. Nach oben hin werden die Blätter immer kleiner und sind lanzettförmig und ungestielt. Die Wegwarte wird zur Zierde der Wegränder, wenn sich im Laufe des Sommers die leuchtend hellblauen Blütenköpfe öffnen. Diese stehen einzeln in den Blattachseln und sind nur aus Zungenblüten zusammengesetzt. Ihre Schönheit währt jedoch nicht lange. An warmen Sommertagen blühen sie nur einen Vormittag und beginnen dann zu welken; bei kühler Witterung schließen sich die Köpfchen erst in den Abendstunden. Das trug der Pflanze den Namen „Faule Gretl“ ein. Heute weiß man, daß die kurze Öffnungszeit der Blüten auf ihren Hauptbestäuber, die Hosenbiene (Dasypoga plumipes) abgestimmt ist. Das Kraut verweilt mehrere Jahre an seinem Standort und bildet eine tief ins Erdreich vordringende, fleischige Pfahlwurzel.

Verwandte Kräuter

Zur Gattung Cichorium zählen 8 Arten. Neben der Wegwarte am bekanntesten ist die aus dem Mittelmeergebiet stammende und als Salatpflanze kultivierte Endivie (C. endivia). Sie weist schwach gezähnte Grundblätter und obere, stengelumfassende Blätter mit herzförmigem Grund auf. Die bei manchen Kultursorten kraus gewellten Blätter sind von einem leicht bitteren Geschmack. Wie die Wegwarte ist auch die Endivie eine schon im alten Ägypten angebaute Kulturpflanze. Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte sie nach England, Deutschland, Holland und Frankreich. Europäische Siedler brachten die Pflanze 1806 auch nach Amerika. In Anlehnung an den französischen Namen „Chicorée frisée“ (= krauser Chicoree) hier wird sie dort „Chicory“ genannt.

Vorkommen

Herkunft und Verbreitung

Cichorium intybus var. intybus, syn. C.intybus var. sylvestre Gemeine Wegwarte, Zichorie, Kaffekraut, Faule GretlDie Wegwarte ist fast überall in Europa, Vorder- und Mittelasien bis in eine Höhe von 1500 m anzutreffen. In Amerika und Australien wurde sie eingeschleppt.

Standort

Die Pflanze gedeiht auf trockenen, basen- und stickstoffreichen Böden an sonnigen Feldrainen, Wegrändern, Böschungen und Ruderalstellen.

Kultivierung

Cichorium intybus var. intybus, syn. C.intybus var. sylvestre Gemeine Wegwarte, Zichorie, Kaffekraut, Faule GretlAus der Wildform der Wegwarte gingen durch Kultivierung zwei Varietäten hervor. Der Anbau der Wurzel-Zichorie (var. sativum) war nur bis zum Ende des 2. Weltkriegs bedeutsam. Zur Salat-Zichorie (var. foliosum) zählt auch der Chicorée, den man im 19. Jahrhundert durch Zufall in Belgien entdeckte. Der Obergärtner des botanischen Gartens in Brüssel grub im Herbst die Wurzeln der Wegwarte aus und setzte sie ins Frühbeet. Dabei stellte er fest, daß diese im Dunkeln nochmals auszutreiben begannen und sich bleiche, dicht gedrängte Blätter entwickelten. Der leicht bitter schmeckende Chicorée wird hauptsächlich in Belgien, den Niederlanden und Italien, aber auch in allen anderen mitteleuropäischen Ländern kultiviert. Die beiden Sorten „Witlof-Chicoree“ (Köpfe aus gebleichten, nur an der Spitze gelblich gefärbten Blättern) und „Radicchio“ (mit rötlicher Färbung) nimmt man als Gemüse und Salat.

Beschreibung von Chicorée: siehe unter „Kultivierung“.

Brauchtum

Brauchtum

Cichorium intybus var. intybus, syn. C.intybus var. sylvestre Gemeine Wegwarte, Zichorie, Kaffekraut, Faule GretlIn der Antike war die Wegwarte hoch geschätzt. Sie diente Griechen, Römern und Ägyptern gleichermaßen nicht nur zu Heilzwecken, sondern auch als Nahrungsmittel. Daß die Pflanze schon lange vor der Antike bekannt war, belegen ägyptische Papyrusrollen aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) riet wegen der wohltuenden Wirkung auf den Magen zum Verzehr. Plinius d. Ä. (23-79 n. Chr.) – ein beim Ausbruch des Vesuvs gestorbener römischer Schriftsteller – empfahl Zichoriensaft mit Rosenöl und Essig gemischt als Mittel gegen Kopfschmerzen.

Auch in den Kräuterbüchern des Mittelalters wird über den Gebrauch der Wegwarte berichtet. Der Kräuterkundler Matthioli (1501-1577) hielt die Pflanze für eine vorzügliche Arznei gegen Entzündungen der Leber. Ebenso wie Bock (1498-1554) verwendete er den aus Wegwartenblüten gewonnenen Saft zur Heilung entzündeter Augen (Augentropfen). Diese Heilanwendung spiegelt sich auch im Volksmund wider: „Das edle Kraut Wegwarten macht guten Augenschein“.

Um die Pflanze ranken sich viele Märchen und Legenden. Ein englisches Volksmärchen erzählt, daß die leuchtend blauen Blüten der Wegwarte die verwandelten Augen eines Mädchens seien, das um ihren von einer Seefahrt nie zurückgekehrten Geliebten weint. Nach einer Legende aus Rumänien soll die Wegwarte einst eine schöne Jungfrau gewesen sein. Als sie sich aber weigerte, die Sonne zu heiraten, wurde sie von dieser in eine Blume verwandelt und bis in alle Ewigkeit dazu verdammt, am Wegrand zu stehen und die Sonne von ihrem Aufgang bis zu ihrem Untergang zu betrachten. Aber nicht nur die Blüten symbolisieren treu ergebene Liebe, auch die Wurzel kann Liebeszauber entfalten. Einem alten Brauch zufolge soll man zu Jakobi (25. Juli) oder Peter und Paul (29. Juni) in der Mittagszeit eine Wegwartewurzel ausgraben. Da diese aber nicht mit bloßen Händen berührt werden darf, empfiehlt es sich, ein Hirschgeweih oder ein Goldstück zu Hilfe zu nehmen. Außerdem darf beim Ausgraben kein Wort gesprochen werden. Die auf diese Weise gewonnene Wurzel besitzt die Kraft, in jedem Menschen treue Liebe zu erwecken, sobald man ihn damit berührt. Als Sinnbild für Treue in der Liebe war die Wegwarte deshalb häufig ein Bestandteil in Liebesgetränken.

Wissenswertes

Die Namen „Zichorie“ und „Chicorée“ wie auch der Gattungsname haben ihren gemeinsamen Ursprung im lat. Wort cichorium, das sich vom griechischen „kichorion“ (= Wegwarte, Endivie) ableitet.

Seit dem 16. Jahrhundert werden die Wurzeln der Wegwarte geröstet und als Kaffee-Ersatz gebraucht. Auf diesen Verwendungszweck weist auch die volkstümliche Bezeichnung „Kaffeekraut“ und „Muggefuk“ hin.

Wegwarte für Zichorienkaffee wurde in Preußen im 18. Jh. unter König Friedrich II. (1740-1786) auf Feldern angebaut. Aufschwung nahm der Handel in Deutschland wie auch in England zur Zeit der von Napoleon I. (1769-1821) verhängten Kontinentalsperre.
Die Rüben der Wurzel-Zichorie (var. sativum) sind neben den Wurzeln des Topinamburs (Helianthus tuberosus) der wichtigste Grundstoff für Fructane. Daraus gewinnt man Inulin, aus dem Fructose-Zucker hergestellt wird.

Eigenschaften

Wesentliche Inhaltsstoffe

Bitterstoffe und Gerbstoffe sind die wirksamen Substanzen in Kraut und Wurzel der Wegwarte: Sesquiterpenlactone (bittere Azulenderivate: Lactucin, Lactucopikrin) und Inulin (kultivierte Formen bis zu 58 %).

Eigenschaften, Wirkungen

Die Pflanzenstoffe wirken bei Appetitlosigkeit und Verdauungsproblemen durch Anregung der Gallenabsonderung.

Warnhinweise

Lactucin und Lactucopikrin sind schwache Kontaktallergene und führen in seltenen Fällen zu allergischen Hautreaktionen. Bei Gallensteinleiden ist vor der Behandlung mit Wegwarte ein Arzt zu konsultieren.

Anwendung

Anwendungsgebiet

Cichorium intybus var. intybus, syn. C.intybus var. sylvestre Gemeine Wegwarte, Zichorie, Kaffekraut, Faule GretlArzneidrogen: Cichorii herba (Wegwartenkraut) und Cichorii radix (Wegwartenwurzel)
Die Anwendung erfolgt bei Appetitlosigkeit und akuten (leichten) Ernährungsstörungen, die verschiedene Ursachen haben können (z. B. verdorbene Speisen oder Infekte).

Anwendungsart

Verwendet wird die ganze, im Herbst gesammelte und getrocknete Pflanze (Kraut und Wurzel). Die mittlere Tagesdosis beträgt 3 g Droge. Man nimmt sie zerkleinert für Aufgüsse oder andere Zubereitungen zum Einnehmen.

Produkte

Tee

Zur Bereitung eines Wegwarte-Tees gibt man ca. 200 ml kaltes Wasser auf einen Teelöffel Wurzel oder Kraut (oder eine Mischung von beiden), erhitzt bis zum Sieden und läßt 2 bis 3 Min. kochen. Nach dem Abkühlen und Abseihen kann man täglich 2 bis 3 Tassen trinken.
Im Handel sind auch fertige Teemischungen mit Wegwarte (Magen-, Leber- und Gallentees) erhältlich.

Speisen

Junge Blätter und Blüten sind für Salate geeignet.