Wermut

  • Artemisia absinthium
  • Wermutkraut, Bitterer Beifuß
  • Fam. Korbblütler (Asteraceae)

Kräuterbeschreibung

Beschreibung

Artemisia absinthium (Wermutkraut, Bitterer Beifuß)Der aromatisch duftende Wermut ist ein buschiger, 50–120 cm hoher Halbstrauch mit einer ausdauernden Sproßwurzel (Rhizom). Seine verzweigten, unten verholzten Stengel sind silbergrau behaart; ebenso wie die 2–3fach fiederspaltigen Grundblätter, welche nach oben hin kleiner werden. 3–4 mm große, grünlich-gelbe Blüten stehen ab Juli kurzgestielt und nickend an schmalen Rispen. Die Früchte befinden sich in einer kleinen, länglichen Schließfrucht (Karyopse) und reifen im September/Oktober.

Verwandte Kräuter

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußDer dem Wermut ähnliche und häufiger vorkommende Beifuß A. vulgaris wird größer (bis 2 m); seine Stengel und Blüten schimmern oft rötlich-braun. Die Oberseite der Blätter ist dunkelgrün und nur die Unterseite weißfilzig.

Weitere Kräuter aus der Gattung Artemisia (Beifußgewächse), die zu Heilzwecken oder als Nahrungsmittel dienen, sind z. B. A. annua (Einjähriger Beifuß); A. abrotanum (Eberraute); A. capillaris (Yin chen hao); A. cina (Wurmkraut), A.dracunculus (Estragon) A. pontica (Römischer Wermut).

Im südlichen Mitteleuropa (Südostfrankreich, Südschweiz, Norditalien, Ungarn, Balkan) sehr stark ausgebreitet hat sich in den letzten Jahren die im Osten Nordamerikas heimische und mit dem Wermut verwandte Ambrosia (auch „Beifußblättriges Traubenkraut”, Ambrosia artemisiifolia), die mit ihren extrem aggressiven Pollen heftige Allergien bis hin zum Asthma auslösen kann. Erste Bestände gibt es auch in Deutschland (Infos unter „Adressen“).

Vorkommen

Herkunft und Verbreitung

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußUrsprünglich im östlichen Mittelmeerraum heimisch, hat sich der Wermut schon früh auch in den wärmeren Gebieten Mitteleuropas ausgebreitet. Wildwachsend kommt er außerhalb Europas in Zentralasien und im Osten Nordamerikas vor. Rote Liste: in Deutschland nicht bundesweit, sondern nur regional gefährdet.

Standort

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußDie Pflanze ist vor allem an sonnigen und trockenen Standorten (Wiesen, Brachland, Wegränder, Weinberge, Felshänge) zu finden. Sie liebt lockere, kalkhaltige und stickstoffreichere Lehm- und Steinböden.

Kultivierung

In gemäßigten Regionen wird der Wermut weltweit angebaut. Die Vermehrung erfolgt durch Samen (keimen am leichtesten im Herbst) oder durch Teilung der Wurzeln (alle 3–4 Jahre im zeitigen Frühjahr). Obwohl winterhart, sollte man die Pflanze bei Frostgefahr bis über den Erdboden abschneiden und abdecken.

Der Gehalt an Bitterstoffen ist bei voller Blüte am höchsten (Erntezeit). Am größten ist die Konzentration in den Sproßspitzen, am niedrigsten im Stengel.

Brauchtum

Brauchtum

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußWermut ist eine uralte Heil- und Zauberpflanze. Schriftlich erwähnt wurde sie bereits vor 3.500 Jahren im alten Ägypten und galt im Altertum als vielfältig verwendbare Arznei (Berichte von Dioskurides und Plinius), u. a. gegen Pest, Cholera und als Wundmittel. In Mitteleuropa wurden die Wirkungen des Wermuts im „Hortulus” des Benediktinermönchs Walahfrid Strabo (808–849) und ebenso bei Hildegard von Bingen (1098–1179) „aus langer Erfahrung” beschrieben. Schon im frühen Mittelalter verwendete man ihn gegen Magenbeschwerden („Heilbitter”, „Magenkraut”), Wurmbefall („Wurmkraut”) und Frauenleiden; er war Bestandteil von Hexengebräu, diente der Zauberei (Dämonenabwehr) wie auch dem Totenkult und sollte Läuse und Wanzen vertreiben. Gegen Schlaflosigkeit war er Bestandteil in „Kräutermützen”. In den nicht sehr sauberen öffentlichen Gebäuden trugen die Damen und Herren Wermut- oder Lavendelsträußchen mit sich, an denen ab und zu gerochen wurde. So ertrug man nicht nur den Gestank, sondern hoffte, auch gegen Pest und Pocken geschützt zu sein. Ansonsten wurde Wermut in den verschiedensten Speisen und Getränken und gegen alle möglichen Krankheiten verwendet (rheinisch: „Wermoot is för alles joot“). In Mexiko raucht man getrocknete Wermut-Blätter wegen der angeblich halluzinogenen Wirkung als Marihuana-Ersatz (führt zu dauerhaften Gesundheitsschäden und bewirkt Persönlichkeitsveränderungen).

Wissenswertes

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußArtemisia (alter griech. Frauenname) ist abgeleitet von Artemis, der griechischen Göttin der Jagd, Tiere und Natur. Ihr war der Wermut im Altertum geweiht. Als Ursprung des Artnamens absinthium wird griech. apsinthos (unangenehm) angenommen, was sich auf den bitteren Geschmack beziehen dürfte. Die Herkunft des deutschen Namens ist unbekannt. Im Alt- und Mittelhochdeutschen hieß der Wermut wermuota und wermuot, im Altenglischen vermod.

Eigenschaften

Wesentliche Inhaltsstoffe

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußDie wichtigsten Bestandteile sind Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe (insbesondere Absinthin, Artabsin u. a.), bis zu 1,5 % ätherisches Öl mit Thujon, Phenolcarbonsäuren (u. a. Kaffeesäure), Flavonoide und Gerbstoffe.

Eigenschaften, Wirkungen

Bitterstoffe wirken appetitanregend und steigern die Magensäure- und Gallensaftproduktion, wodurch Verdauung und Nährstoffaufnahme erleichtert werden. Ihre Wirkung entfalten sie über eine Erregung von Bitterrezeptoren der Geschmacksknospen an der Zungenbasis.

Das im ätherischen Öl als wirksamer Bestandteil enthaltene Thujon (es kommt auch in der Thuja-Pflanze vor) ist ein starkes Nervengift (Krampfgift), das in geringen Dosen anregend und in größeren giftig wirkt. Therapeutisch hat das ätherische Öl keine Bedeutung.

Warnhinweise

Zubereitungen aus Wermutkraut können in höherer Konzentration Vergiftungen hervorrufen (Erbrechen, Durchfall, Schwindel, Kopfschmerzen) und führen in hoher Dosierung zu Muskelkrämpfen, Bewußtlosigkeit und Lähmung. Der Inhaltsstoff Thujon kann süchtig machen (Absinthismus) und bewirkt bei längerem Genuß (z. B. von Absinthspirituosen) ein Absterben von Hirngewebe. Andererseits kann die Einnahme von Wermut in konzentrierter Form – was aufgrund der Bitterkeit erhebliche Überwindung kostet – oder über einen längeren Zeitraum zur Abneigung führen, was die Vergiftungsgefahr vermindert.

Eine geringe Dosierung mit kurzer Anwendungszeit wird dagegen als unschädlich angesehen; auch Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Dennoch wird von einer Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit wie auch bei Kleinkindern abgeraten.

Anwendung

Anwendungsgebiet

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußArzneidroge: Absinthii herba (Wermutkraut). Die Wirkstoffe befinden sich in der ganzen Pflanze. Verwendet werden vor allem die zur Blütezeit gesammelten oberen Sproßteile und Laubblätter, frisch oder getrocknet.
Wermut ist wirksam bei Magen-, Darm- und Gallebeschwerden. Besonders bei Blähungen und Völlegefühl steigert die Einnahme das Wohlbefinden.

Die Wirksamkeit weiterer, volkstümlicher Verwendungsweisen ist nicht belegt, z. B. gegen Menstruationsbeschwerden und Blutarmut, bei Ekzemen und schlecht heilenden Wunden.

Keine Anwendung bei Magen- und Darmgeschwüren. Auch das reine ätherische Öl sollte wegen seines Thujongehalts nicht verwendet werden (Krampfgift).

Anwendungsart

Artemisia absinthium, Wermutkraut, Bitterer BeifußExtrakte (Tropfen) oder Tinkturen, Tees und alkoholische Kräuterbitter. Im Handel gibt es zahlreiche Teemischungen (Magen-, Galle-, Lebertee) und Fertigarzneimittel, auch in Kombination mit anderen Bittermitteln und Aromatika.

Mittlere Tagesdosis (Richtwert): 2–3 g Droge als wässriger Auszug. Der Anwendungszeitraum sollte nicht länger als eine Woche betragen.

Homöopathie

Das Homöopathikum Absinthium, hergestellt aus frischen Blüten und Blättern, verwendet man als Aufguß gegen Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Blähungen und Mundgeruch, bei Krämpfen und Rheuma sowie zur Mobilisierung der körpereigenen Abwehrkräfte in unterschiedlicher Potenzierung (D2 bis D12).
Äußerlich dient es zur Behandlung von Hautkrankheiten, Schürfwunden, Infektionen (entzündungshemmend) und Insektenstichen. Bei Menstruationsbeschwerden soll es die Regelblutung verstärken und Schmerzen mindern (während der Schwangerschaft ist eine Anregung der Gebärmuttertätigkeit mit der Gefahr einer Fehlgeburt verbunden). Die traditionelle Verwendung gegen Würmer hat ihren Ursprung darin, daß man früher unter „Gewürm und Geschmeiss” alles Mögliche verstand. Eine Wirksamkeit gegen Darmwürmer ist jedoch nur eingeschränkt vorhanden und evtl. auf Inhaltsstoffe des ätherischen Öls zurückzuführen.

Produkte

Getränke

„Absinth” ist ein ursprünglich aus Algerien stammender Trinkbranntwein mit Anis, Fenchel und anderen Zusätzen, der durch ätherische Öle der Wermutpflanze ein bitteres Aroma und eine grünliche Färbung erhält. Besonders beliebt war er im Frankreich des 19. Jhs. als berühmt-berüchtigte Droge zur Steigerung der künstlerischen Inspiration in der Pariser Boheme. Der Vertrieb von Absinthbranntwein wurde wegen der suchterregenden und giftigen Wirkung (Thujon) in den meisten Kulturländern verboten (in Deutschland seit 1921). Ob die Gesundheitsschäden allein auf den Wirkstoff Thujon zurückzuführen waren, wird heute angezweifelt, denn mitverantwortlich waren auch der hohe Alkoholgehalt (45 bis über 70 Vol%) und Verunreinigungen (Methanol, Kupfersulfat). Später wurden für die maßgeblichen Inhaltsstoffe Grenzwerte festgelegt und die Aromenverordnung geändert. Seit 1998 (EU) und 2001 (Schweiz) dürfen Absinth-Spirituosen auf dieser Grundlage (Thujon-Gehalt von max. 35 ppm) wieder hergestellt und vertrieben werden.

Im Handel angebotene Wermutweine (Wermut, frz. Vermouth) enthalten kein ätherisches Öl und damit kein Thujon. Sie bestehen aus mindestens 70 % Wein, den Bitterstoffen des Wermuts (zumeist des Römischen Wermuts: Artemisia pontica), Aromatisierung (Alant) und Zuckerlösung (15–20 % Alkohol). Industriell wurde Wermutwein erstmals 1786 auf der Grundlage von Muskateller-Wein in Turin hergestellt; Variationen sind bitter bis süß (rosso/amaro, bianco und secco). Zur Anregung der Verdauungssäfte ist er als Aperitif geeignet.

Wermutwein und -geist lassen sich auch selbst herstellen. Es ist jedoch Vorsicht geboten, auch bei der Dosierung: regelmäßiger Genuß kann zur Sucht führen und bei übermäßigem Genuß wird u. a. das Nervensystem geschädigt.

Wermutwein:
Wein (z. B. Rhein- oder Moselwein) wird im Verhältnis von 50 : 1 auf die getrockneten Wermutblätter (z. B. 5 Liter Wein auf 100 g Wermut) geschüttet. Den Aufguß läßt man unter häufigem Schütteln 3–4 Monate lang ziehen und gießt die klare Flüssigkeit ab. Mäßig verwenden; gute Wirkung bei Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen.

Wermutgeist:
5 g getrockneter Wermut auf 1 Liter Wodka, 3 Wochen stehenlassen (täglich schütteln), filtrieren, in Flasche füllen und fest verschließen; mindestens 1-2 Jahre ruhen lassen. Verwendung in geringen Mengen (am Tag nicht mehr als 1 kleines Schnapsglas).

Tee

Wermut-Tee:
1/2 Teelöffel geschnittenes Kraut auf 1/4 l kochendes Wasser, 5 Minuten ziehen lassen, abseihen und sehr warm trinken. Tagesdosis: maximal drei Tassen täglich. Bei Verwendung als bitteres Magenmittel sollte der Tee vor dem Essen getrunken werden, als Gallenmittel nach dem Essen.

Kosmetik

Das ätherische Wermutöl ist ein Grundstoff in der Parfümindustrie.

Tipps

Weil der Bitterstoff im Wermut auch der Wirkstoff ist, sollte Wermut-Tee niemals mit Zucker gesüßt werden. Dies würde dessen Wirkung vermindern. Um den unangenehm bitteren Geschmack zu mindern, kann man ihn stattdessen mit anderen Bittermitteln oder Aromatika kombinieren, z. B. mit gleichen Anteilen Pfefferminze und Tausendgüldenkraut. Zubereitungen sollte man nicht sofort herunterschlucken, sondern etwas im Mund belassen, da sie ihre Wirkung vor allem über die Mundschleimhaut entfalten.
Wermut-Tee wird auch als ökologisch unbedenkliches Spritz- und Schutzmittel gegen Befall mit Schadinsekten (z. B. Blattläuse) verwendet. Das Kraut soll außerdem gegen Motten, Wanzen und Läuse wirken.

Adressen

zu „Verwandte Kräuter“: www.ambrosia.de – Infos über Ambrosia artemisiifolia.